Die Grimms als Quelle für Hexen und Heiden

Die Grimms werden gern von Hexen und (Neu-) Heiden als Quelle herangezogen, vor allem im Bereich Volksmagie und im „germanischen“ Heidentum.
Worauf man bei den Grimms als Quelle achten, was man im Hinterkopf behalten sollte, darum soll es in diesem Blog-Artikel gehen.
Die Grimms und die Romantik
Die Rede ist hier natürlich von Jakob und Wilhelm Grimm, welche vor allem für die „Kinder- und Hausmärchen“ bekannt sind. Sie waren Sprachwissenschaftler und Volkskundler und lebten im 18./19. Jahrhundert, in der Kunsthistorischen Epoche der Romantik, bzw. des Biedermeier.
Zu ihrer Zeit entsprach es dem Zeitgeist, die Vergangenheit zu verklären, sowohl ins schöne, als auch ins Negative. Außerdem gab es zunehmende Bewegungen ein einheitliches Nationalverständnis zu schaffen.
Wenn wir „Romantik“ hören, denken wir heute an Liebe. Doch was die Epoche der Romantik betrifft, denke lieber an den Roman. Das kann ein historischer Roman sein, oder ein Fantasy-Roman.
Dieser Zeitgeist betraf alles, auch die Wissenschaft und die Geschichtsforschung. Gerade in diesen Bereichen gab es keinen Platz für Lücken und „das wissen wir nicht“. Dinge, die man nicht wusste, Wissenslücken mangels Quellen, wurden gefüllt, mit mehr oder weniger guten Herleitungen, die aus wissenschaftlicher Sicht zum Teil mehr mit Fantasie als mit der Realität zu tun hatten. Und so wurde eine künstliche Vergangenheit erschaffen. Kommuniziert wurde das jedoch als Fakten, als „so war das damals.“
Aus heutiger Sicht hat das nicht viel mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun. Doch die Grimms waren keine schlechten Wissenschaftler. Sie waren Kinder ihrer Zeit, die innerhalb dieses Zeitgeistes arbeiteten.

Kinder- und Hausmärchen
Ich denke, die meisten von uns kennen zumindest einige der Kinder- und Hausmärchen der Grimms. Interessanterweise waren diese im Ursprung gar nicht für Kinder gedacht, sondern eine wissenschaftliche Sammlung.
Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass die Grimms diese Märchen beim „einfach Volk“ gesammelt hätten. Dabei denken die meisten sicher an einfache Leute in Dörfern und auf Bauernhöfen.
Aber weit gefehlt.
Die Märchensammlung entstammt vor allem dem hessischen Bürgertum, mit französischen Wurzeln. Und das Bürgertum zu dieser Zeit waren Menschen denen es finanziell und vom Bildungsstand schon deutlich besser ging, als dem, was wir als „das einfache Volk“ im Kopf haben.
Man denke eher an das Zusammensitzen bei einem gepflegten Teestündchen mit schönem Porzellan, in der guten Stube, als an ein einfaches Bauernhaus, wo zuvor noch auf dem Feld gearbeitet wurde.
Diese gesammelten Märchen wurden von den Grimms im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet und vor allem Kindgerechter angepasst. Man mag es kaum glauben, aber die Originale sind noch um ein Vielfaches düsterer, als das, was wir kennen.
Eine Änderung, die wir in vielen Märchen sehen, ist die böse Stiefmutter, die den Protagonisten das Leben schwer macht. Im Ursprung war es meist die eigene Mutter. Zur Stiefmutter wurde es erst nach den Überarbeitungen, um es dem Zeitgeist anzupassen, wo eine Mutter ihre eigenen Kinder nie so behandeln würde, einer Stiefmutter jedoch traute man es zu. Man könnte sagen, die Grimms haben Stiefmüttern einen schlechten Ruf verpasst.

Ostara und „die Germanen“
Die Grimms, insbesondere Jakob Grimm, rekonstruierten auch Bräuche und Mythen aus Erzählungen ihrer Zeit. Dies basierte auf der Annahme, dass alle Sagenfiguren Überbleibsel „germanischer“ Götter seien. Auch dieser Mythos hält sich bis heute hartnäckig. Heute ist diese Verfahrensweise wissenschaftlich überholt. Damals, war es der Standard.
Schon der Begriff „die Germanen“ ist schwierig, denn die hat es nie gegeben. Es handelt sich viel mehr um eine Sprachfamilie und ähnliche wirtschaftliche Strukturen, doch sprechen wir bei „die Germanen“ von unterschiedlichen Gruppen, keinem in irgendeiner Form einheitlichen Volk.
Viele haben sicher bereits von der Göttin Ostara gehört. Jakob Grimm leitete diesen Namen (und die Göttin an sich) von einer angelsächsichen (englischen) Göttin Namens Eostre ab, über die Tausend Jahre zuvor ein englischer Mönch schrieb. Vor Jakob Grimm hat niemand eine Göttin Namens Ostara erwähnt. Dennoch wurde diese Göttin ab dann herangezogen, um Osterbräuche vorchristlich zu erklären. Historische Grundlagen nach heutigen Standards gibt es dafür nicht.
Heute ist wissenschaftlich sehr umstritten, ob jemals eine solche Göttin existiert hat, bzw. angebetet wurde, weil es vor Grimm, vor dem 19. Jahrhundert, keinen Hinweis darauf gibt.
Was ebenfalls bei den Grimms (und anderen) auffällt, kontinentale „germanische“ Götter wurden eins zu eins gleichgesetzt mit den nordischen Göttern. Wotan glich Odin, Donar glich Thor usw.
Doch Mythologie verändert sich.
Ein kurzes Beispiel dazu aus der nordischen Mythologie. In der ältesten Fassung zu Balders Tod ist der Gott Loki nicht anwesend, als Balder durch die Mistel stirbt. Er wird mit keinem Wort erwähnt. In der zweiten Überlieferung ist Loki anwesend, wie viele andere Götter auch, tut aber nichts, er ist nur da. Erst in der letzten Fassung ist er dann Verantwortlich für Balders Tod. Das ist die heute bekannteste Fassung. Zwischen der ersten und letzten Fassung liegen ca. 100 Jahre. Von nicht anwesend zum Schuldigen in einhundert Jahre mythologischer Entwicklung.
Viele Aspekte von zum Beispiel Odin sind für Wotan nicht nachzuweisen. Das Gleiche gilt für die anderen Gottheiten. Doch weil wir über die „kontinentalgermansichen“ Götter kaum mehr haben, als ein paar Namen, wurden die Lücken in der Zeit der Romantik mit der nordischen Mythologie gefüllt. Ganz dem Zeitgeist entsprechend.

Was heißt das für die Praxis?
Im Soft-Polytheismus ist eine solche Gleichsetzung kein Problem, das sehen wir auch in der Antike. Synkretismus war die Norm und Götter wurden übernommen und im Zweifel auch gleichgesetzt, wie Venus und Aphrodite, Juno und Hera, Zeus und Jupiter. Regional gab es ohnehin bei allen Gottheiten unterscheide in der Mythologe, da war und ist das kein Widerspruch.
Schwieriger wird es da für Hard-Polytheisten, also jenen, die klare Grenzen ziehen zwischen dem nordischen Pantheon und einem speziellen „germanischen“. Denn, wie bereits geschrieben, wir haben kaum mehr, als ein paar Namen und wenn dann nur vereinzelt dank römischer Schreiber wie Tacitus.
Wenn du also die Grimms (oder andere Personen aus dem 18./19. Jahrhundert) als Quelle nutzt, dann behalte den Zeitgeist im Hinterkopf, in dem diese Personen lebten.
Die Grimms waren keine schlechten Wissenschaftler. Sie waren Kinder ihrer Zeit, die nach den wissenschaftlichen Standards ihrer Zeit arbeiteten. Nur haben manche dieser Dinge aus heutiger Sicht, nicht mehr viel mit Wissenschaft zu tun. Heute gibt es in der Geschichtswissenschaft den Raum für „das wissen wir nicht, dafür gibt es keine Quellen“. Damals gab es diesen Raum nicht, also wurde er gefüllt, mit Herleitungen, die aus heutiger Sicht mehr mit Fantasie, als mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun haben.
Ich persönlich bevorzuge es, mit Lücken zu arbeiten. Zu Wissen, was wir wissen und was wir eben auch nicht wissen. Und wenn ich diese Lücken dann in meiner eigenen spirituellen, heidnischen Praxis fülle, dann tue ich das lieber selbst und im Austausch mit den entsprechenden Göttern und anderen Entitäten, als mit der Fantasien des 18./19. Jahrhunderts.

12.03.2026
Quellen
Originale Manuskripte von Jacob und Wilhelm Grimm in der Bibliothek der Humboldt Universität
Professor Ronald Hutton: „Stations of the Sun“ & "Queens of the Wild"
Florian Schäfer: "Hausgeister!" & "Fabeltiere"
Geschichtsfenster-Video: Romantisierung des Mittelalters
Geschichtsfenster-Video: Krampus, Knecht Ruprecht und die Rauhnächte
